Weniger Mental Load durch die richtige Nutzung von KI! Das war das Versprechen von einem Webinar, an dem ich vor Kurzem teilgenommen habe. Tolles Unternehmen, das es angeboten hat, spannende Vortragende, es ging im Prinzip darum, aus der KI – in dem Fall Claude – eine Art persönliche Assistenz zu machen, die beim Organisieren der Woche hilft und alle möglichen Routinetätigkeiten übernimmt. Ich weiß bis jetzt nicht genau, was ich von dieser Idee halte. Eine Sache spukt mir aber seitdem im Kopf herum, die ich nicht nur an dieser Stelle gehört habe sondern täglich, seit KI massentauglich ist: Wir können alle möglichen Routinetätigkeiten endlich abgeben, zum Beispiel: Social Media Posts schreiben.
Jetzt arbeite ich seit bald 20 Jahren im Marketing und verstehe einen Teil davon: Social Media Posts sind vielen lästig, man weiß nicht so recht, was man schreiben soll, will eigentlich eh nicht so viel online sein, sich mit den Mechanismen und Algorithmen wenig ärgern, will das eigentlich gern abgeben weil machen muss man es ja. Da ist es natürlich willkommen, dass KI auf Knopfdruck alles ausspuckt, nachdem man fragt und man dadurch noch viel weniger Zeit investieren und Input geben muss, als davor, als man die Posts selbst geschrieben oder an andere Menschen abgegeben hat. Ich finde nur, in der ganzen Abgeberei liegen zwei massive Denkfehler begraben. Erstens: Das Schreiben von Posts wäre eine Routinetätigkeit, die man nur erledigt, über die man aber nicht nachdenken muss. Vielleicht wie Geschirrspüler ausräumen. Der Unterschied: Im Spüler ist immer das gleiche Geschirr, das an den gleichen Ort soll. Im Post aber soll idealerweise immer eine neue Idee, eine neue Erkenntnis stecken, ein neues Erlebnis oder eine neue Geschichte. Man will ja zeigen, was man kann. Während also der Prozess insgesamt – hinsetzen, denken, schreiben, posten – durchaus als Routine möglich ist, allein oder in der Interaktion mit Texter:innen, kann der Inhalt keine reine Routine sein. Außer ich will immer das Gleiche sagen oder es ist mir eigentlich egal, was ich sage. Hauptsache raus, Hauptsache es ist irgendwas da. Und hier kommt der zweite Denkfehler: Wir wollen uns das lästige Posten vom Hals halten, wollen aber, dass die, die den Post sehen, ihn lesen, damit interagieren, uns für toll und kreativ und für Expertinnen halten und idealerweise irgendwann von uns kaufen. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr frage ich mich: Wo bleibt da der Respekt? Wir wollen KI nutzen, um selber schnell und mit möglichst wenig Mühe Ergebnisse zu produzieren, erwarten aber von anderen tiefgehende Auseinandersetzung und Handlung in Form von geschenkter Zeit und investiertem Geld?
Social Media Posts sind da natürlich nur ein winziges Ästchen in einer großen, weit verzweigten Maschinerie: Bücher, Magazinartikel, Blogposts, Facharbeiten…..die Veröffentlichungszahlen steigen überall, weil es de facto keinen Einsatz mehr braucht, um halbwegs brauchbaren Output zu generieren. Wenn wir den dann auch noch als unseren eigenen ausgeben, haben wir vielleicht sogar den Respekt vor uns selbst verloren.