Julia Cameron ist für mich eine Queen, wenn es darum geht, überall und in allem eine Geschichte und einen Text zu finden. Ich wühle mich gerade durch ihr zweites Buch mit kolumnenartigen Kurztexten über Kreativität und Schreiben. Das erste Buch dieser Art von ihr war The Sound of Paper und ich hab es letztes Jahr aufgesaugt. Gar nicht so sehr, weil ich alles gut fand oder mit allem einverstanden war. Ich erlebe manche Dinge anders als sie, sehe Zusammenhänge anders. Sie ist schon auch ein starkes Kind ihrer Zeit mit teils leicht angestaubten Metaphern. Aber: Ich lese ein Kapitel und nach drei bis vier Seiten bin ich zuverlässig inspiriert. Zum Weiterdenken, zum Schreiben, zum Widersprechen – auf eine liebevolle, wertschätzende Art. Denn das Werk, das die Frau geschaffen hat, ist einfach sagenhaft. Wer kann schon von sich behaupten, dass die halbe Welt an Kreativen die eigene Methode – Morgenseiten, nämlich – zitiert?
Jedenfalls das Geschichtenfinden. In The Sound of Paper war eins meiner Lieblingskapitel Start where you are. Also wenn man nicht weiß, worüber man an einem Tag schreiben könnte oder wie man das Thema, das man im Kopf hat, beginnen soll, dann solle man einfach damit starten, wo man sich gerade befindet. Physisch oder gedanklich, so der Rat vom Cameron. Das zieht sie selber nicht nur konstant durch in jedem einzelnen Kapitel der beiden Bücher, sie nutzt die Beobachtungen auch, um sie jedes Mal mit einem Schreibthema in Verbindung zu bringen. Im zweiten Buch, das ich gerade lese, The Right to Write, gibt es zum Beispiel eine large vase of lilacs auf ihrem Schreibtisch, die ihr Gesellschaft leistet und den Bogen zur Einsamkeit im Schreibprozess aufmacht. Oder die Pferde auf der Koppel vor ihrem Fenster, die sie zu Gedanken über das Leben und den Tagesablauf als Schreiberin inspirieren. Und ich möchte hinzufügen: Sie hat romanticise your life perfektioniert, bevor es ein Hasthag auf Social Media wurde.
Wie man aus dem Alltag heraus Geschichten findet und erzählt und damit Leser:innen inspiriert, fasziniert mich als Kolumnen-Fan besonders. Also hab ich die Cameron-Methode natürlich ausprobiert, meist Donnerstag morgens im Café Franze ums Eck. Und es stellt sich heraus: Das Start where you are, diese kleinen Beobachtungen vom Umfeld, in dem man schreibt, vom gedanklichen Innenleben, zu einem bestimmten Zeitpunkt, das führt zuverlässig zu kleinen Geschichten und Texten, fast jedes Mal. Und das passt zu einem Zitat, das ich seit Jahren mit mir herumtrage und das mich leitet, wenn ich zu verkopft bin oder zu anspruchsvoll in dem, was ich denke, schreiben zu müssen: Kreativität ist, wenn einem bei dem, was einem auffällt, etwas einfällt. Nicht mehr und nicht weniger. Und genau darum geht es doch auch: Wir schauen hin, uns fällt etwas auf und dann schreiben wir darüber. Start where you are und die Geschichten folgen.